Samstag, 16. Oktober 2010

Spaziergänge

Einen Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich mit Spaziergängen. Es tut gut, an die frische Luft zu gehen, die schöne Aussicht auf den Rest Jerusalems zu genießen während man mit einem der Friends auf Gilos Straßen flaniert. Was hier gerade wunderbar entspannend und wohltuend klingt, kann aber auch ganz schnell ins Gegenteil umschlagen....

Der erste Spaziergang überhaupt, im Alleingang, nur ich und der Freund. Der autistische Freund, dessen Namen ich aus Rechtsgründen nicht nennen darf, ist ein angenehmer Zeitgenosse, abgesehen von seiner Besessenheit von Papierkügelchen und allem Essbaren, darum hatte ich gar keine Bedenken mit ihm eine kleine Runde durch den Gilopark zu drehen, denn dort gibt es bekanntlich keine Papierkügelchen und im Normalfall auch nichts zu essen. Wie gesagt, im Normalfall. Dummerweise war der besagte Tag nicht der Normalfall, denn an diesem besagten Tag beschlossen auf einmal sämtliche Familien des Stadtteils Gilo, dass es der perfekte Tag für ein Picknick im Park wäre.
Ich wunderte mich schon, dass mein namenloser Freund bereits auf der Hauptstraße schnurstracks auf den Park zusteuerte....dann der „AHA!“-Moment als ich die karierten Decken, die Picknickkörbe, die spielenden Kinder und die Berge von Pitas, Hummos, Äpfeln, Trauben und Getränken und den gierigen Blick meines Freundes sah. Aber da war der Zeitpunkt des Umkehrens wahrscheinlich sowieso schon vorbei, ich hatte einen kurzen „OH NO!“-Moment und dann rannte ich dem Langen hinterher. Hier sei kurz nebenbei bemerkt, der besagte Freund ist ziemlich groß, ziemlich schnell (wenn es um Essen geht) und ziemlich stark ist. Wenn es um Essen geht. Normalerweise schafft er es nicht mal, eine Plastiktasse mehr als zwei Minuten zu halten, weil er eine einzige Schlaffheit ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zum Park.
Der auf einmal monsterstarke, schnelle und hungrige Freund läuft auf das idyllische Familienpicknickbild zu und verwandelt es in einen einzigen Ausdruck von Überraschung, dann Angst, dann Aggressionen seitens der Familienväter und -mütter. Das interessiert den hungrigen Freund aber nicht, er greift sich, was er bekommt – es war ein Pitabrot – und verleibt es sich unappetitlich sabbernd und vor allem unglaublich schnell ein.
Nach meinem peinlich berührt lächelndem „Sorry, he's an autist“ schlug die Stimmung ziemlich radikal um, mein Freund bekam eine zweite Pita geschenkt, alle lachten, alle fanden die Situation auf einmal halb so wild.
Und der genüsslich Pita-kauende Freund und ich schlenderten glücklich und zufrieden Hand in Hand wieder heimwärts.
 

Ein Spaziergang aus Langeweile, mit R.. Bei R. muss man wissen, dass er auf den ersten Blick tatsächlich nicht autistisch aussieht, sondern wie ein total normaler, vielleicht so 18-jähriger, etwas pummeliger Junge.
R. und ich liefen also die Straße hinunter, angenehmes Wetter, kaum Verkehr, nur ein paar Jogger und ein paar Leute die ihre Hunde ausführten. Ein kleiner Junge mit einem noch kleineren Hund trabte munter an uns vorbei, und blieb weiter vorne stehen, weil der noch kleinere Hund ein Häufchen setzen musste.
R. bleibt stehen, schaut das kleine Wesen etwas verdutzt an, lässt die Hose runter und setzt neben den Hundehaufen ein Menschenhaufen.
Der Anblick: Unglaublich komisch und irgendwie eklig – der Blick des Jungen: Unbezahlbar :D


S. ist auch einer von den Kandidaten, von denen man im ersten Moment denkt, sie wären etwas seltsam, aber nicht sonderlich unnormal.
Mit S. machte ich in den späten Abendstunden noch eine Runde um den Block, weil er trotz der späten Zeit noch voller Energie steckte und diese im Hostel ungute Auswirkungen auf Türen, Klamotten und Sofas hatte.
Er schien sich auch gut zu beruhigen, ganz gemütlich trabte er neben mir her, mit seiner Mütze, seinem Holzfällerhemd sah es aus, als würde ich mit meinem Großvater spazieren gehen (auch wenn S. gar nicht so alt ist – sein Kleiderstil machts).
Wie es dazu kam, dass sich ein alter Mann, ein wirklich alter Mann mit Gehwägelchen, zu Tode erschreckte? Nun, ich denke der alte arme Mann wollte, so wie wir, auch nur die kühle Nachtluft genießen und schob langsam und gemütlich sein Wägelchen den Berg hoch, den ich gerade mit S. hinunterging. Plötzlich – ich mache den abfallenden Weg dafür verantwortlich, der einfach dazu einläd, ihn hinunterzurennen – fing S. an zu rennen. Und spätestens wenn S. anfängt zu rennen, merkt auch Otto Normalverbraucher, dass mit S. irgendwas nicht stimmt, denn wenn S. rennt, hat man jeden Moment Angst, dass er zusammenklappt. Sein Kopf wackelt, als wäre er nicht richtig festgemacht, seine Arme angewinkelt als würde er fliegen wollen und seine schlacksigen Beine fliegen nur so dahin. Und so steuerte er direkt auf Großvater Wägelchen zu, der erst geschockt große Augen machte - „Oivavoi, Oivavoi“ - und dann nicht wusste wohin er ausweichen sollte mit seinem Wägelchen – links rechts zurück, doch nicht, schließlich stand er nur mit zitternden Knien und Händen an dem Wägelchen geklammert da. S. rannte vorbei, ich durfte mich mal wieder in aller Form entschuldigen und mich vergewissern, dass der arme alte Kerl ok war. Er war ok, und er nahm es S. nicht übel, sondern setzte seinen Weg nach einer kurzen Verschnaufpause wieder im selben Tempo wie vorher fort, während ich den total ausgepowerten und energielosen S. wieder heimschleppte, wo er sofort ins Bett fiel, um Energie für den nächsten Tag zu sammeln.